„Solidarität statt Spaltung“: Das war der Fachtag der Aidshilfe Baden-Württemberg 2026

Gruppenfoto AHBW 2026

Unter dem Motto „Solidarität statt Spaltung: Aidshilfe-Arbeit in Zeiten des Rechtsrucks“ trafen sich am 20. März erstmals die Mitarbeitenden der Mitgliedsorganisationen der Aidshilfe Baden-Württemberg in Stuttgart. In insgesamt sechs Workshops und Vorträgen wurde sich zu den Themen der Arbeitskreise Gentle Queer/MSM, Frauen, Bildung, Checkpoint, Drogen/Haft und Migration ausgetauscht und gemeinsam getagt.

Eröffnet wurde der Fachtag von Claudius Desanti, Geschäftsführer der Aidshilfe Baden-Württemberg, sowie von Oliver Hildenbrand, einem der drei ehrenamtlichen Vorstände des Vereins. In seiner Rede sprach Hildenbrand über den aktuellen Siegeszug eines „autoritären Playbooks“: „Dahinter stehen Akteur*innen, die abgestimmt, vernetzt und strategisch vorgehen. Sie instrumentalisieren Emotionen und schüren ein Klima der Angst und des Ressentiments.“

Diese Entwicklungen machen sich auch in der Arbeit der Aidshilfen und Zentren für sexuelle Gesundheit im Land bemerkbar. Mitarbeitende berichteten beispielsweise von sexualfeindlichen, antifeministischen und queerfeindlichen Äußerungen einzelner Jugendlicher in Schulklassen. Auch Klient*innen positionierten sich zunehmend offen rechts und Teilnehmende von Veranstaltungen, wie dem Christopher Street Day, äußerten Sorgen um ihre Sicherheit.

Oliver Hildenbrand betonte in seiner Rede besonders die Rolle der Aidshilfen in dieser Situation: Aidshilfe ist und bleibt Teil einer offenen und vielfältigen Zivilgesellschaft. Sie steht solidarisch an der Seite marginalisierter Gruppen und bedrohter Communities – und sie ist und bleibt politisch.

Im Anschluss an die Eröffnung fanden über den Tag verteilt sechs Vorträge und Workshops statt. Hier erhielten die Teilnehmenden fachlichen Input und neue Impulse für ihre tägliche Arbeit. Behandelt wurden unter anderem folgende Themen:

Chemsex in Baden-Württemberg: Verbreitung, Bedarfe und neue Ansätze
Im Bereich MSM* (Männer*, die Sex mit Männern* haben) berichtete Dr. Dirk Sander von der Deutschen Aidshilfe im Projekt Gentle Queer über aktuelle Entwicklungen rund um Chemsex in Baden-Württemberg. Die Studie EMIS 2024 zeigt, dass Chemsex – also der Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen zur Intensivierung sexueller Erfahrungen – auch in Baden-Württemberg verbreitet ist. Schätzungen zufolge haben rund 3.700 MSM in den letzten vier Wochen Chemsex praktiziert, etwa 2.900 machen sich Sorgen über ihren Konsum. Flächendeckende Beratungsangebote sind bislang nicht überall vorhanden. Für 2026 soll daher ein Schwerpunkt auf diesen Bereich gelegt und neue Materialien sowie Strukturen im Projekt Gentle Queer entwickelt werden.

Antifeminismus in der rechten Szene: Strategien für die Praxis
Antifeminismus richtet sich gegen Gleichstellungsbestrebungen von Frauen und Mitgliedern der LGBTQIA*-Community und zielt darauf ab, bestehende (hetero-) sexistische Strukturen zu erhalten. Im Bereich Frauen wurden gemeinsam mit Len Schmid von der Fachstelle für Antifeminismus & Queerfeindlichkeit Baden-Württemberg (FAQ BW) die beobachteten Entwicklungen der letzten Jahre analysiert. Das Fazit zeigt: Antifeminismus fungiert als Schnittstelle zu verschiedenen Ideologien der Ungleichwertigkeit. Insbesondere die Angriffe auf sexuelle Selbstbestimmung werden zunehmend radikaler. Um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, werden dringend neue Strategien benötigt. Dazu gehören vor allem die verstärkte Sensibilisierung von Betroffenen, die Schulung und Einbindung von Sicherheitsbehörden sowie die Etablierung niedrigschwelliger Anlaufstellen. Darüber hinaus sollen konkrete Handlungs- und Argumentationsmöglichkeiten erarbeitet werden, um antifeministischen Positionen wirksam begegnen zu können.

Kompetent gegen rechte Sprüche in der Schule
Im Bereich Bildung tauschten sich die Teilnehmenden mit Frederic Hofmann und Stefan Kluger vom Team „meX“ der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg über Strategien im Umgang mit rechtsextremen Einstellungen in schulischen Präventionsveranstaltungen aus. Mitarbeitende sehen sich dort zunehmend mit diskriminierenden und menschenfeindlichen Äußerungen konfrontiert. Im Workshop wurden Argumentationshilfen vermittelt, Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt und Strategien entwickelt, um rechten Parolen im Klassenzimmer souverän zu begegnen. Dafür wurde in einem Rollenspiel konkrete Konfliktsituationen nachgespielt, die in Klassenzimmern stattfinden können und aufgezeigt, wie sich Mitarbeitende verhalten können, um sich selbst zu schützen und diskriminierende Aussagen zu entkräften. 

Weiterentwicklung der Checkpoints: Kooperationen im Gesundheitssystem
Die Checkpoints bieten Tests und Beratung zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen an. Carlo Kantwerk von der Deutschen Aidshilfe stellte im Bereich Checkpoint Möglichkeiten für Kooperationen mit Ärzt*innen im System der gesetzlichen Krankenversicherung vor. Denkbar sind etwa Videosprechstunden oder Nebenbetriebsstätten. Das Ziel ist eine bessere Versorgung vor Ort, auch in ländlichen Regionen. Ein Nachteil ist, dass Leistungen der Gesetzlichen Krankenkassen nicht anonym abgerechnet werden können. Neben den möglichen Kooperationsmodellen wurden in dem Workshop auch Fragen zur Impfung und Tests auf Hepatitis B in Checkpoints besprochen.

Der Drogenkonsumraum KOMBO in Stuttgart
Der Konsumraum KOMBO („Konsumraum mit Beratung und Orientierung“) besteht seit 2019 Leonhardsviertel in Stuttgart und ist eine Einrichtung des Caritasverbands für Stuttgart e.V. in Kooperation mit Release Stuttgart. Elena Feller, Leiterin von KOMBO, stellte die Arbeit der Einrichtung vor, erläuterte rechtliche Voraussetzungen sowie Herausforderungen und berichtete aus dem Alltag mit den Konsument*innen. So war Februar 2026 mit über 400 Konsumvorgängen der bisher stärkste Monat, meist wird Crack oder Kokain konsumiert. Viele Konsument*innen kämen mittlerweile regelmäßig, teilweise mehrmals am Tag. Das Kontaktcafé und die Beratung würden gut angenommen, so Elena Feller, ebenso die medizinische Versorgung. Ab April 2026 soll es auch die Möglichkeit geben, Drogen zu substituieren.

Migrationsarbeit in Aidshilfen: Ergebnisse und Perspektiven
Im Workshop Migration präsentierte Dr. Laila Prager von der Deutschen Aidshilfe Ergebnisse der Umfrage „Migration und Geflüchtete in der Präventionsarbeit“. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurden die Erkenntnisse daraus besprochen und Bedarfe für die konkrete Arbeit mit Menschen mit Migrationsgeschichte und Fluchterfahrung in Baden-Württemberg abgeleitet. Außerdem wurden Herausforderungen und Barrieren in den Präventionsarbeit vor Ort besprochen und gemeinsam erörtert, welche Ansätze und Lösungen gut funktionieren.

Beim gemeinsamen Get-together am Abend kamen weitere Gäste hinzu, um sich zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. Ein herzlicher Dank gilt allen Referent*innen und Teilnehmenden, die den Fachtag 2026 zu einem tollen Auftakt für weitere Veranstaltungen gemacht haben. Ebenso danken wir ViiV Healthcare und Gilead Sciences für die freundliche Unterstützung.

Wir sehen uns 2027!

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